Brüssel/Sonneberg/Erfurt (dpa/th) – Schärfere EU-Grenzwerte machen für Betreiber von Kläranlagen in Thüringen Investitionen von rund 200 Millionen Euro nötig. Bis 2045 müssten die Betreiber in die verbesserte Reinigung von Abwasser investieren, sagte Bernd Hubner, Thüringer Landesvorsitzender der Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall, der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. Grund sind die verschärften Grenzwerte für sogenannte Mikroverunreinigungen – insbesondere Medikamentenrückstände und Kosmetika – in der zu Beginn des Jahres in Kraft getretenen EU-Kommunalabwasserrichtlinie.
Diese sieht vor, dass Kläranlagen in einer «Ausbaugröße größer 150.000 Einwohnerwerte» binnen der nächsten zwanzig Jahre schrittweise mit einer sogenannten vierten Reinigungsstufe ausgestattet werden. Außerdem nötig werde der Ausbau nach Hubners Einschätzung bei rund 30 weiteren kleineren Thüringer Kläranlagen, die in sensible Gewässer – etwa Trinkwassereinzugsgebiete oder Badegewässer – einleiten. Mit der zusätzlichen Reinigungsstufe sollen in einem aufwendigen Verfahren im Abwasser verbliebene Spurenstoffe – etwa von Insulinpräparaten und anderen Medikamenten – aus dem Abwasser entfernt werden. Mit den bisherigen Methoden ist das nicht möglich.
Experte erwartet, dass Gebühren steigen müssen
Keiner der Aufgabenträger verfüge über die nötigen Mittel für solche Investitionen, sagte Hubner, der zugleich Werkleiter der Wasserwerke Sonneberg ist. «Der Eigenmittelbedarf muss über Kredite finanziert und mittels Gebühren und Entgelte über die Abschreibungsdauer refinanziert werden. Das erfolgt dann über eine Erhöhung der Gebühren und Entgelte.» Hinzu komme weiterer Investitionsbedarf, da die neue EU-Richtlinie auch fordert, 70 Prozent der nötigen Energie für größere Kläranlagen mit Erneuerbaren abzudecken.
Wie viel der Kosten tatsächlich die Anlagenbetreiber und Gebührenzahler aufbringen müssen, ist noch strittig. Denn die EU-Richtlinie sieht auch vor, dass 80 Prozent der Kosten für Errichtung und Betrieb der neuen Reinigungsanlagen von den Pharmaunternehmen getragen werden sollen. Dagegen klagen die Unternehmen aktuell vor dem Europäischen Gerichtshof.
Bayer-Konzern: Medikamentenbelastung durch Produktion gering
In Thüringen produziert der Pharmakonzern Bayer an seinem Standort in Weimar nach eigenen Angaben mit 570 Mitarbeitern «hormonhaltige, feste Arzneiformen». Nur ein geringer Teil der Mikroverunreinigungen entstamme allerdings der Produktion von Arzneimitteln, erklärt das Unternehmen auf dpa-Anfrage. «Medikamentenrückstände gelangen hauptsächlich über die Toilette ins Abwasser», so eine Sprecherin. Das geschehe durch Ausscheidungen aber auch durch unsachgemäße Entsorgung.
In Weimar werde das Abwasser des Bayer-Standortes im Werk vorbehandelt und anschließend in die städtische Kläranlage eingeleitet. Das sei behördlich genehmigt. Zudem würden regelmäßig Abwasserproben genommen und durch ein externes, unabhängiges und zugelassenes Messlabor überprüft.